Lange ist es her, da startete ich mit AIM und ICQ in die Welt der Online-Kommunikation. Dazu kam noch der Account bei Yahoo! Instant Messenger (YIM) und noch ein paar anderen. Parallel dazu führte IRC ein Dauerdasein. Schon früh war es eine Qual, für jeden Messenger die jeweils eigene Software installieren zu müssen. Updates waren noch nicht im selben Maße an der Tagesordnung wie heute, aber es gab sie schon. Und mit einer ISDN, wenn nicht eher 56k-Modem-Verbindung, war das keine Freude – wobei man durchaus sagen muss dass die Daten eigentlich immer viel kleiner waren als heute.

Dennoch war es schnell nervig, für jedes Netzwerk eine eigene Zugangssoftware haben zu müssen – auch wenn diese teils coole, unterschiedliche Features mitbrachten – im Kern war doch alles gleich.

Und so kam es, dass eines Tages Odigo auf meiner Festplatte landete. Odigo konnte nicht nur in die Netzwerke von ICQ, AIM (damals noch eigenständig), MSN, Gadugadu(?) und Yahoo verbinden, sondern setzte hauptsächlich auf das eigene Odigo-Netzwerk. Es gab sogar die Möglichkeit, Odigo über WAP zu benutzen – und das zu einer Zeit in der Begriffe wie 3G, WLAN, UMTS oder Smartphone noch keinerlei Bedeutung hatten. Die Software war außerdem mit Themes anpassbar, die auch noch individuelle Sounds und Icons mitbrachten. Man muss sich diese Sounds wirklich mal geben. Revolutionär war damals auch die Möglichkeit, Chatpartner über eine Art Radar ausfindig machen zu können. Zudem konnte das Radar User anzeigen, die auf den selben Internetseiten surften, wie man selbst.

 

Heute sind derartige Features ja in vielerlei Hinsicht (Datenschutz!!!!1!1einseins) verpönt, waren sie zu diesem Zeitpunkt jedoch absolut genial und Odigo konnte die Nutzerbasis damit beträchtlich erweitern. Die Leute wollten(!) „gefunden werden“ und chatten!

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Gepaart mit einem speziellen, urigen Design und ebenso ansprechenden Sounds war Odigo lange Zeit mein persönliches Ultimum. Leider konnte oder wollte man die Interoperabilität mit ICQ und anderen nicht aufrecht erhalten, denn schon bald funktionierten die Verbindungen nicht mehr oder zumindest nicht mehr zuverlässig. Odigo wurde schließlich aufgekauft und der Betrieb des Netzwerks eingestellt. wtf.

Was dann folgte war Miranda. Von Grund auf dafür entwickelt durch Plugins erweiterbar zu sein, gewann Miranda IM schnell an Popularität und entwickelte eine große Nutzerbasis, wohlgemerkt ohne eigenes Chat-Netzwerk. Viele kehrten der zwischenzeitlich ziemlich aufgeblähten ICQ-Software den Rücken zu und installierten Miranda als kleinen, effizienten ICQ-Client ohne Werbung oder gleich zusammen mit den Plugins für andere Netzwerke wie Yahoo.

 

Lange ist es her und alle genannten Netzwerke haben viel an Bedeutung verloren. Spätestens mit der steigenden Verbreitung von Whatsapp und Facebook wurde ICQ nachhaltig obsolet. Auch wenn es irgendwo die letzte Bastion der idle’n’den Messenger-Nutzer geben mag – wenn man jemanden wirklich (via Chat) erreichen will – ist es doch letztlich immer eines der Facebook-Netzwerke.

Andere streben danach, dem „blauen Netzwerk“ Marktanteile abzuknüpfen. Ich persönlich nutze sehr gerne Telegram. Das kann schon lange mit mehreren Endgeräten gleichzeitig, mit geteilter Chat-Historie und es ist einfach sau bequem. Und ansonsten ist es wie Whatsapp. Und Google Talk gibt’s da ja auch noch. Oh wie ich den Käse hasse, auf dem Smartphone ist es extra deaktiviert und deinstalliert. Spätestens seit bei GMail Nachrichten eingingen die auf dem Smartphone trotz Standardkonfiguration nie an kamen und was dazu noch viel zu spät auffiel, ist es verbannt. Braucht kein Mensch – und das sage ich als jahrelanger GMail-Nutzer. Und so hat es sich eingespielt, dass die Kommunikation, egal ob am PC oder Smartphone, heute über Telegram und Whatsapp stattfindet – und vielleicht noch über ein bisschen E-Mail.

 

Anderen geht es schlechter – sie müssen ja noch Twitter, Foursquare, reddit, Facebook Messenger und co. unter einen Hut bringen! omwtfgod! Es muss dringend eine Lösung her! Wait – hatten wir das nicht schon mal?

Der junge Ritter Franz tritt an, um nichts geringeres zu tun, als diese komplexen Menschheitsprobleme für alle Mal zu lösen und wird dabei von den Medien auch noch hoch gelobt. Franz, der neue Multi-Messenger, ein Gebilde aus Chromium, Lesezeichen und ein bisschen Optionsmenü drum herum, ergibt dabei aber letztlich nichts anderes als einen Browser, mit dem man sich bei den einzelnen Webdiensten separat in Tabs anmeldet. Vom einstigen Glanze des Odigo Messengers ist das lächerlich weit entfernt.

Und dann gibt’s da ja auch noch Discord

Kategorie: Frust, Technik